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Psychologie (1875-1961). E. Brief mit U. Dat. Locarno, 30. 3. 1947. Qu.-8° (14,8 x 20,4 cm). 2 Seiten. Auf Briefpapier mit gedrucktem Kopf "Prof. C. G. Jung" und Adresse "Küsnacht-Zürich, Seestrasse 228" (hs. abgeändert: "Locarno Hôtel du Parc"). - E. adressiertes Kuvert liegt bei. (178) Ein aufschlussreiches Schreiben, sowohl für Carl Gustav Jungs Forschungen und Theorien als auch von persönlich-biografisch bedeutendem Inhalt, gerichtet an seine Schülerin Rivkah (Kluger) Schärf (1907-1987): "Liebes Fräulein Doctor! Endlich kann ich Ihnen mittheilen, dass die Trinitätsarbeit fertig ist, noch nicht fix und fertig, da nicht abgeschrieben und corrigiert, aber doch beendet. Sie hat noch viel Denkarbeit gekostet und an Umfang beträchtlich zugenommen. Der Titel des ganzen Buches lautet: Symbolik des Geistes. Inhalt: 1. Zur Psychologie des Geistes 2. Der Geist Mercurius 3. Dr. phil. R. Schärf: Satan 4. Psychologie der Trinität. 3 + 1 = 4 3 (Symbol männlich) Beiträge, weiblicher über den 'Vierten'. Damit hat sich eine bemerkenswerte Symbolik ergeben." Auf der Rückseite weiter als Postskriptum: Jung entschuldigt die späte Antwort: "Ich war dermaassen in meine Arbeit vertieft, dass ich alle Briefe ignorierte. Meine Arbeitskraft ist leider so beschränkt, dass ich nur eine Sache aufs Mal thun kann." Für Dringendes verweist er auf seine langjährige Sekretärin Marie-Jeanne (Schmid). Außerdem spricht er (wohl) von ihm erbetene Volkshochschulvoträge seitens Schärf an, worauf diese aber zögerlich reagiert hatte. Sie würde damit "ein wohlthuendes Gegengewicht zu Frau Jacobi bilden. Ich fürchte den Schematismus derselben." Am Ende wendet er sich nochmals der "Symbolik des Geistes" zu: "Ist das Ms (Manuskript) des 'Satan' bereit? In etwa 3-4 Wochen sollte es in Druck gehen." Die Psycholgin Jolande Jacobi (1890-1973) gehörte seit 1938 dem Kreis um C. G. Jung an. Sie war dafür bekannt, die komplexen Gedankengänge Jungs in einfache Schemata zu überführen, gerade im Bereich der Volksbildung. Zur Bedeutung des Briefes: Die "Symbolik des Geistes" zählt zu den wichtigsten Schriften von Jung am Wendepunkt zu seinem Spätwerk und seiner Beschäftigung mit der Alchemie. Diese Schrift stammt aus einer Phase intensiver Arbeit und Entwicklungen in Jungs Forschung. C. G. Jung hatte einen Kreis von Schülerinnen, die er an seinen Forschungen teilhaben ließ, wenn sie im Bereich der Psychologie promoviert hatten - was allerdings bei Rivkah Schärf nicht der Fall war. Ihre Dissertation von 1946 behandelte das Thema "Die Gestalt Satans im Alten Testament". Dies aber kam Jungs geistigen Interessen dieser Zeit sehr entgegen, und so durfte Schärf aus ihrer Arbeit einen Essay machen, der den Satan zum Gegenstand hatte und in Jungs Werk Eingang fand. Dieser wurde schließlich unter dem Titel: "Symbolik des Geistes. Studien über psychische Phänomenologie. Mit einem Beitrag von Rivkah Schärf" 1948 bei Rascher in Zürich gedruckt. In Annäherung an Jung wurde Schärf schließlich zu einer Pionierin der Zürcher Schule für Analytische Psychologie. Erstmals enthüllt Jung in diesem Brief die Struktur des geplanten Werks, das aus den vier genannten Schlüsselkapiteln besteht. Mit der Fertigstellung des letzten, über die Psychologie der Trinität, war das gesamte Werk zuende gebracht, Jung erwartete nur noch den Beitrag Schärfs. Ihn hatten diese Darstellungen viel Mühe gekostet, und er hatte sich über längere Zeit, in einem Hotel in Locarno am Lago Maggiore von der Welt zurückgezogen, diesen grundlegenden Theorien gewidmet und sie zur Niederschrift gebracht. Das letzte Kapitel ist zum Eckstein für sein ganzes späteres Schaffen geworden. In diesem Brief deutet er den errungenen intellektuellen Triumph an, und das erstmals mit konkreten Aussagen über den Inhalt. Die "Trinität" gilt als eines der spirituell tiefgreifendsten Kapitel seines Spätwerks, das nach seiner lebensverändernden Nahtoderfahrung im Jahr 1944 begann. Zum ersten Mal ist in diesem Brief die Einführung der Quaternitätssymbolik (3 + 1 = 4) in Jungs Denken bezeugt. Die Quaternität ist ein Motiv, das in seinen reifen Werken ("Aion" und "Mysterium Coniunctionis") eine zentrale Rolle spielen sollte. Dieser Brief ist zudem ein seltenes Beispiel dafür, wie Jung ein grundlegendes Konzept spontan und informell, in knappe Worte gefasst, vorzustellen vermochte, was ihn zu einem einzigartigen Dokument macht.