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Lot description
Knabe auf einem Grab schlafend. Holzschnitt auf Velin von Friedrichs Bruder Christian Friedrich. 7,7 x 11,4 cm. (1802/03). Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, München 1973, Nr. 62. Warum die Frag ist oft an mich ergangen Wählst Du zum Gegenstand der Malerei So oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab? Um ewig einst zu leben, muß man sich oft dem Tod ergeben. (Sigrid Hinz (Hrsg.): Caspar David Friedrich in Briefen und Bekenntnissen. Berlin 1974, S. 82) Das druckgraphische Werk Caspar David Friedrichs ist überschaubar. Neben achtzehn eigenhändigen Radierungen verzeichnen Börsch-Supan und Jähnig in ihrem Werkverzeichnis lediglich vier Holzschnitte, die der jüngste Bruder Christian Friedrich (1779-1843) nach Vorlagen Caspar Davids anfertigte. Alle Graphiken sind nur in kleinsten Auflagen gedruckt worden. Von den Holzschnitten soll es laut Börsch-Supan jeweils etwa 10 Abzüge geben. Von dem hier angebotenen Blatt des Knaben auf einem Grab liegend, können wir zwölf Exemplare in Museen nachweisen (Berlin, Kupferstichkabinett; Bremen, Kunsthalle; The Chicago Art Institute; Dresden, Kupferstichkabinett, zwei Exemplare; Pommersches Landesmuseum Greifswald; Hamburg, Kunsthalle, hier wird auch der Original-Druckstock verwahrt; München, Staatliche Graphische Sammlung; New York, Metropolitan Museum; Ottawa, National Gallery of Canada; Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek und Wien, Albertina). Auf dem Auktionsmarkt oder im Kunsthandel dürfte dagegen unser Blatt, eine Bilderfindung, die für die deutsche Frühromantik von zentraler Bedeutung ist, das letzte Exemplar im Handel sein. Caspar David Friedrichs Leben und sein künstlerisches Schaffen waren von tiefer Melancholie und zeitweise starken Depressionen geprägt. Bereits als Sechsjähriger muss er den Verlust der Mutter betrauern und von seinen neun Geschwistern überleben ihn, obwohl sechstgeborener, nur drei. Die vielleicht prägendste Tragödie ereignet sich am 8. Dezember 1787: Beim Versuch, den ins Wasser gefallenen Caspar David zu retten, ertrinkt sein um ein Jahr jüngerer Bruder Christoffer. Die Familie des Malers berichtet, dass die beiden Jungen am Greifswalder Wallgraben mit einem kleinen bootsähnlichen Fahrzeug gekentert seien (Kurt Wilhelm-Kästner u. a.: Caspar David Friedrich und seine Heimat, Berlin 1940, S. 28). Dieser tödliche Unfall, für den er sich verantwortlich fühlt, überschattet das ganze Leben des Malers. Friedrichs enger Freund, der königliche Hofarzt, Psychologe, Hochschullehrer und Maler Carl Gustav Carus (1789-1869), der den Künstler persönlich 1817 in Dresden kennenlernt, erwähnt in seinen Lebenserinnerungen sogar einen nicht näher datierten Selbstmordversuch Friedrichs, den dieser "immer in ein tiefes Geheimniß" gehüllt haben soll (Carl Gustav Carus: Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten, Leipzig 1865, S. 206). Vermutlich ereignet sich diese zum Glück gescheiterte Tat im Frühjahr 1801 (vgl. Helmut Börsch-Supan: Caspar David Friedrich. Seine Gedankengänge, Trier 2023, S. 264). Anfang Mai zieht sich Friedrich über Neubrandenburg zur Familie nach Greifswald zurück. Es folgen drei Wanderungen nach Rügen. Die dabei entstandenen Kunstwerke begründen ab 1802 Friedrichs Ruf. Auf der Dresdner Akademie-Ausstellung 1804 zeigt Friedrich sechs Arbeiten, darunter „Drey Holzschnitte gezeichnet von C.D. Friedrich und geschnitten von J. C. Christian Friedrich“. Der Holzschnitt Knabe auf einem Grab schlafend von 1803/04 gilt einhellig als Verarbeitung des Todes des Bruders Christoffer. "Caspar David Friedrich (genauso alt wie er zum Zeitpunkt des Unglücks war), schlummert am Grab von Christoffer, dessen Seele als Schmetterling über den Kopf des Bruders fliegt." (Börsch-Supan 2023, S. 47). Der Komposition geht die Sepiazeichnung des liegenden Knaben vom 16. Januar und 28. Februar 1802 aus dem kleinen Mannheimer Skizzenbuch in der Kunsthalle Bremen voraus (vgl. Christina Grummt: Caspar David Friedrich. Die Zeichnungen. Das gesamte Werk, München 2011, Nr. 282), während die Pflanzenblätter sich an der Zeichnung des kleinen Rügener Skizzenbuchs vom 14. Juni 1802 (ebd., Nr. 327) aus Privatbesitz orientieren. Die beiden anderen ausgestellten Holzschnitte waren „Die Frau mit dem Spinnennetz zwischen kahlen Bäumen“ sowie „Die Frau mit dem Raben am Abgrund“ (Börsch-Supan/ Jähnig, Nr. 60 und 61). "Die drei nach seinen Zeichnungen gefertigten Holzschnitte, die in ihrer Bedeutung für das Verstehen des Malers kaum zu überschätzen sind, waren wohl als Bilder für eine Sammlung seiner Dichtungen in Buchform gedacht, zu der als Autorenportrait noch ein Holzschnitt mit dem Profil nach rechts gehört." (Börsch-Supan 2023, S. 179 ff.) Dass Caspar David Friedrich die Vorzeichnungen für diese Bilderfindungen seinem jüngsten Bruder Christian direkt auf die grundierten Holzstöcke zeichnete ist in höchstem Maße wahrscheinlich. Am 5. August 1803 schreibt er in sein Tagebuch: „Glücklicher wie ich mich jetzt dünke kann wohl keiner sein, Gott sei Dank.“ (zit. n. Karl-Ludwig Hoch: Caspar David Friedrich - unbekannte Dokumente seines Lebens, Dresden 1985, S. 26). Prachtvoller, farbsatter und präziser Druck mit schmalem Rand um die Einfassungslinie. Minimalster Oberflächenschmutz, an der Oberkante horizontal auf einem Bereich von ca. 7 mm durchgehend auf einem alten, hellbraunen Untersatzpapier mit Einfassungslinien in schwarzer Feder montiert. Insgesamt in vollkommen unberührter, unverpresster Originalerhaltung mit außergewöhnlich schönem Relief des Hochdruckes verso. Von allergrößter Seltenheit. - Provenienz: Privatsammlung Frankreich. - Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist. - Please ask for condition reports for individual lots, as the condition is usually not mentioned in the catalogue.